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Das Investment: „Mit einer Rezession rechnen wir nicht“

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SJB | Korschenbroich, 14.08.2019.

Christoph Ohme lenkt gemeinsam mit Tim Albrecht den Bestsellerfonds DWS Deutschland. Im Interview erklärt der Aktienkenner, warum der Handelskrieg brandgefährlich ist, wie er in turbulenten Marktphasen vorgeht und was die deutsche Regierung endlich leisten muss. Der DWS Deutschland ist 5 Milliarden Euro schwer und hat auf Sicht eines Jahrzehnts mehr als zehn Prozent jährliche Rendite geliefert. Was zeichnet Ihre Anlagestrategie aus?

Christoph Ohme: Wie verfolgen einen aktiven Stock-Picker-Ansatz, der maßgeblich auf dem eigenen Research der DWS basiert. Das umfasst globale Makro- und Branchenanalysen sowie zahlreiche Gespräche mit dem Management einzelner Unternehmen, die wir entweder in unserem Haus oder vor Ort führen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse setzen wir in Anlageentscheidungen um. Zwei Drittel der Investmententscheidungen basieren auf einem Bottom-Up-Ansatz. Ein Drittel eher auf einem Top-Down-Ansatz.

Mit welchen jährlichen Renditen und Schwankungen können Ihre Anleger künftig rechnen?
Ohme: Das hängt nicht zuletzt auch vom jeweiligen Marktumfeld ab. Die jährliche risikoadjustierte Wertentwicklung über ein Jahr ist zwar nicht unwichtig. Wir konzentrieren uns beim Management deutscher Aktien aber vor allem darauf, langfristigen Mehrwert für unsere Anleger zu schaffen. Und das ist uns in der Vergangenheit auch sehr gut gelungen. So verfügt etwa der DWS Deutschland seit dem Jahr 2006 ununterbrochen über eine Top-Bewertung der Rating-Agentur Scope. Und wie DAS INVESTMENT anlässlich des dreißigsten Geburtstags des Dax im vergangenen Jahr berechnet hat, war der DWS Investa über diese drei Dekaden hinweg der beste deutsche Aktienfonds.

Wie entwickelten sich die Nettozuflüsse?
Ohme: Die Nachfrage hat zuletzt einen Dämpfer erhalten. Das kommt für uns aber nicht überraschend und ist aus Sicht der Anleger auch nachvollziehbar. Denn die ersten drei Monate des Jahres sind mit Blick auf die Wertentwicklung überdurchschnittlich gut gelaufen, so dass der eine oder andere Investor Gewinne mitgenommen hat. Darüber hinaus ist die deutsche Wirtschaft aufgrund ihrer Exportorientierung und ihrem Schwergewicht im verarbeitenden Gewerbe stärker als andere Ökonomien verwundbar durch Handelskonflikte und globale Konjunkturschwächen. Das hat natürlich für erhöhte Vorsicht unter den Anlegern gesorgt. Hinzu kommt derzeit noch eine grundsätzliche Zurückhaltung der Anleger gegenüber Aktien, die sich branchenweit bemerkbar macht. So haben nach Berechnungen des Datenabieters Refinitiv europäische Anleger im Mai netto rund 22 Milliarden Euro aus Aktienfonds abgezogen.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage hierzulande ein, drohen Rezession und viele Arbeitslose? Und wo brummt die Produktion noch?
Ohme: Ganz klar möchte ich vorwegsagen, dass wir nicht mit einer Rezession rechnen. Dessen ungeachtet hat die deutliche weltweite konjunkturelle Eintrübung der vergangenen Monate hierzulande besonders im verarbeitenden Gewerbe und der Grundstoffindustrie aber unübersehbare Bremsspuren hinterlassen. Die Automobilindustrie muss zusätzlich noch den Strukturwandel hin zur Elektromobilität stemmen. Besser hat sich der IT-Sektor geschlagen, wo wir nach wie vor eine rege Investitionstätigkeit in Hard- und Software sehen. Auch bei den Versicherern ist die Gewinnentwicklung weiter stabil. Unter dem Strich sind das jetzt natürlich etwas verhaltenere Aussichten als in den vergangenen Jahren. Aber Wirtschaft ist kein Wunschkonzert. Und wie der langfristige Track Record unserer Deutschland-Aktienfonds belegt, der sich natürlich über gute und schlechtere konjunkturelle Phasen erstreckt, beherrschen wir nicht nur die Offensive, sondern auch die Defensive. Auch in einem insgesamt von weniger Dynamik geprägten Umfeld gibt es stabil wachsende Unternehmen und wir haben unsere Portfolios bereits entsprechend ausgerichtet.

Stichworte Handelskrieg, Eurokrise, Digitalisierung. Was beeinflusst die hiesige Wirtschaft am meisten?
Ohme: In erster Linie ist es die Sorge vor eskalierenden Handelskonflikten und den daraus womöglich resultierenden negativen Folgen für die weltweite Konjunktur. Was die exportlastige deutsche Wirtschaft derzeit aber ebenfalls unübersehbar beeinflusst, ist die konjunkturelle Schwäche in China. Und wir erwarten nicht, dass Peking abermals die fiskalischen Schleusen öffnen wird, um dem Abschwung entgegenzuwirken. Denn das Ziel der Regierung ist derzeit, die Verschuldung zu senken und das Schattenbankensystem aufzuräumen. Neuerliche umfangreiche Stimuli dürfte es vor diesem Hintergrund eher nicht geben. Das alles sorgt bei der deutschen Wirtschaft unserer Ansicht nach aber nur für eine zeitlich befristetet Delle. Auf längere Sicht sind wir unverändert von der außergewöhnlichen Innovationskraft der deutschen Wirtschaft überzeugt.

Auf welche Kennziffern achten Sie bei der Titelwahl?
Ohme: Kennziffern sind zwar ein nicht unwichtiger Teil der Analyse von Unternehmen. Viel bedeutender ist aber der vertrauensvolle und kontinuierliche Kontakt zum Management. Denn so lassen sich Informationen über die Chancen von Unternehmen gewinnen, die in den Kennziffern gar nicht enthalten sein können. Und da ist die DWS sehr gut aufgestellt. Denn wir verfügen nicht nur über das wohl größte Team für deutsche Aktien, sondern unsere Kollegen können auch mehrheitlich eine über zehnjährige Investmentexpertise aufweisen. Noch dazu ist die Zusammensetzung des Teams sehr stabil. All das schafft Vertrauen und gibt uns so persönlichen Zugang zu beinahe jedem Unternehmen in Deutschland.

Welchen Anteil haben Nebenwerte in Ihrem Portfolio?
Ohme: Derzeit liegt der Anteil der Nebenwerte im DWS Deutschland bei etwa 25 Prozent. Er bewegt sich in der Regel zwischen 10 und 50 Prozent, so dass die gegenwärtige Höhe einem mittleren Wert entspricht.

Welche Aktien haben sich zuletzt als besonders lukrativ herausgestellt und welche dürften es künftig sein?
Ohme: Zuletzt waren die Aktien von Versicherern und von Unternehmen aus der Informationstechnologie besonders attraktiv. Daneben sehen wir angesichts der konjunkturellen Abkühlung gute Chancen bei den Firmen aus dem Pharma- und Gesundheitsfürsorgesektor.

Zu welchen Titeln halten Sie dagegen Abstand?
Ohme: Vorsichtiger sind wir aktuell gegenüber zyklischen Aktien etwa aus dem verarbeitenden Gewerbe und der Grundstoffindustrie sowie gegenüber Exportwerten.

Sollten mehr Menschen in heimische Aktien investieren?
Ohme: Menschen sollten ganz grundsätzlich deutlich mehr in Aktien investieren, um ihr Kapital zu erhalten oder im Idealfall zu vermehren. Denn die Zinsen werden wie es derzeit aussieht noch lange sehr niedrig bleiben. Nach Abzug der Inflation wird es daher kaum noch gelingen, das Kapital etwa mit sicheren Staatsanleihen aus dem Kern des Euroraums auch nur zu erhalten. Ganz zu schweigen vom Sparbuch oder dem Tagesgeldkonto. Zuletzt ist die Zahl der Besitzer von Aktien oder Aktienfonds in Deutschland zwar gestiegen. Nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts erhöhte sie sich 2018 zum vierten Mal in Folge und belief sich auf gut 16 Prozent der Deutschen über 14 Jahre. Im internationalen Vergleich ist das aber immer noch ein niedriger Wert.

Was muss passieren?
Ohme: Wir sehen daher auch den deutschen Staat in der Pflicht, so wie es in anderen Ländern schon lange üblich ist, steuerliche Anreize zu setzen, etwa für die langfristige Altersvorsorge mit Aktien. Der so genannte Home Bias vieler Investoren, also die Anlage in vornehmlich heimischen Aktien, ist zwar verständlich – schließlich haben Investoren vor allem ein Gefühl für die Produkte und Dienstleistungen von börsennotierten Unternehmen aus dem eigenen Land. Denn denen begegnen sie in ihrem Alltag regelmäßig. Allerdings sollte ein Deutschland-Aktienfonds nur ein Bestandteil unter mehreren in einem Portfolio sein. Denn eine echte Diversifikation von Risiken funktioniert nur über Regionen und Branchen hinweg.

Von: MARC RADKE
Quelle: Das Investment

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